18.10.2014: Berlin-Buenos Aires. Fotografen im Exil, 1920–1960

Bildvortrag von Michael Nungesser, Kunsthistoriker

Einlass ab 18h, Beginn 19h, Eintritt frei

 

Zum Europäischen Monat der Fotografie 2014 wird der Kunsthistoriker Michael Nungesser in einem Bild-Vortrag im 18m-Salon fünf wichtige Vertreter der europäischen Fotoavantgarde (die sich überwiegend am Berliner Bauhaus kennengelernt hatten) vorstellen, die zwischen 1920 und 1935 nach Argentinien emigriert waren und sich dort niedergelassen hatten, ergänzt um einen argentinischen Fotografen, der Europas Strömungen reisend kennengelernt hatte. Es ist überaus spannend, zu sehen, wie unterschiedlich die jeweiligen Künstlerpersönlichkeiten auf die Konfrontation mit der neuen Realität im Exil reagierten und wie sich das in einer jeweils sehr individuellen Bildsprache niederschlägt.

Berlin war in den 1920er Jahren ein internationaler Anziehungspunkt. Dazu trug die Entwicklung der Neuen Fotografie bei, die auch am Bauhaus gelehrt wurde, das in den letzten Jahren – vor seiner Schließung durch die Nationalsozialisten – in Berlin ansässig war. Dort studierten bei Walter Peterhans Grete Stern (1904–1999) aus Elberfeld und Horacio Coppola (1906–2012) aus Buenos Aires. Sie heirateten 1935 in Buenos Aires, das Grete Stern als Ort des Exils wählte und das ihr zur zweiten Heimat wurde. Beide Fotografen gehören in Argentinien zu den Wegbereitern einer modernen Fotografie. Im Berlin lebten auch zeitweise Annemarie Heinrich (1912–2005), geboren in Darmstadt, Anatole Saderman (1904–1993) aus Moskau und Max Jacoby (1919–2009) aus Koblenz. Während Heinrich mit ihren Eltern schon 1926 nach Buenos Aires übersiedelte, gingen Saderman 1932 und Jacoby 1937 dorthin ins Exil. Die drei letztgenannten waren 1952 Gründungsmitglieder der zehnköpfigen Fotografengruppe »La Carpeta de los Diez« (Die Mappe der Zehn), die im Laufe der Jahre mehrfach gemeinsam ausstellte. Ihr gehörten noch weitere Emigranten an, darunter George Friedman (1910-2002), für den Max Jacoby zuvor als Assistent gearbeitet hatte. Friedman war ungarisch-jüdischer Herkunft, lebte ab 1927 in Paris und floh 1939 nach Buenos Aires. »La Carpeta de los Diez« kam damals eine bedeutende Rolle als Erneuerer der Fotografie in Südamerika gelten. Während Saderman und Friedman in Argentinien blieben, kehrte Max Jacoby 1957 nach Berlin zurück und wurde zu einem der führenden Fotografen West-Berlins.

Die  weit über Argentinien hinaus bekannten Fotografinnen und Fotografen verbindet ihr Schicksal als deutsche/europäische Emigranten, die in Buenos Aires den Nährboden für die Entwicklung ihrer fotografischen Kunst fanden und dort wichtige Impulse für die Entwicklung der Fotografie gaben. Berlin war auf diesem Weg ein wichtiger Kristallisationspunkt. Leben und Werk dieser sechs Fotografen sind zwar durchaus nicht unbekannt, wurden aber noch nie im Zusammenhang gezeigt.

 

Wir freuen uns sehr, dank einer Kooperation mit der Galerie argus Fotokunst auch einige Originalabzüge der genannten Fotografen zeigen zu können!

Dieser Bildvortrag findet im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie statt, ist eine Art Zwischenbericht zur Organisation einer umfangreichen Ausstellung 2016 in Buenos Aires und Berlin und wird unterstützt von der Dezentralen Kulturarbeit Tempelhof-Schöneberg und der argentinischen Botschaft